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Lancia

Chrysler, nein LANCIA Flavia.

Name und Fahrzeug sind nicht neu, jedoch die Zusammensetzung. Während der Sebring-Nachfolger „200“ in den USA auch in Zukunft unter der amerikanischen Chrysler-Flagge auf die Straßen rollt, wird nach der Fusion mit Fiat auf Europa´s Straßen das Pendant Lancia Flavia zu sehen sein. Inzwischen handelt es sich hierbei jedoch um ein viersitziges Cabriolet und nicht wie noch in den 1960er Jahren, als die Italiener unter dem Namen Flavia eine Mittelklasselimousine sowie ein Coupé vertrieben. Doch was steckt nun hinter dem Flavia Cabrio, wirklich nur ein Chrysler mit neuem Markenlogo?

Optisch versuchen die Italiener zumindest schon mal nicht Ihren eigenen Stempel aufzudrücken und übernehmen das Design des Chrysler 200 1:1. Wie ein typisch-amerikanischer Straßenkreuzer rollt der fast fünf Meter lange Flavia daher und lässt die deutschen Mitbewerber in der Kategorie viersitzige Cabriolets um „Längen“ hinter sich.

Die Front zeigt sich im Vergleich zum Vorgängermodell Chrysler Sebring durchaus aufgefrischt, aber lässt dennoch eine moderne Linienführung vermissen. Reichlich Chrom an Kühlergrill, sowie den Zierleisten oder Türgriffen und den Außenspiegeln sorgen jedoch für schicke Eleganz.

So auch am Heck in Form einer horizontal verlaufenden Leiste und der zweiflutigen Auspuffanlage. Im Gegensatzzur zierlichen Frontpartie wirkt der Abschluss durchaus massig, garantiert aber gerade in Verbindung mit den markanten LED-Rückleuchten einen tollen Auftritt.

Schicke 18 Zoll Leichtmetallräder sorgen in der recht schlichten Seitenansicht für einen Eyecatcher.

Schön zu sehen, dass man sich beim Flavia für die Verdeck-Variante aus Stoff entschieden hat, ein Stahldach würde das Cabriolet wahrscheinlich noch wuchtiger aussehen lassen. Die Stoffmütze lässt sich ohne ein Entriegeln irgendwelcher Hebel vollautomatisch per Tastendruck oder Fernbedienung in 28 Sekunden öffnen – allerdings nur im Stand – und verschwindet vollständig unter der Kofferraumabdeckung. Mit einer beheizbaren Glas-Heckscheibe ist das Cabrio auch für den Winter gewappnet.

Das sehr hochwertige, gut gefütterte und fein verkleidete Verdeck lässt in geschlossenem Zustand störende Geräusche draußen und steht dem Komfort eines Stahldaches in kaum etwas nach.

Sehen wir uns das Innere mal etwas genauer an. Wenn auch auf den ersten Blick die serienmäßige zweifarbige Lederausstattung in Schwarz/Weiß einen hohen Eindruck vermittelt, fallen bei genauerem Hinsehen leider einige Defizite ins Auge.

Dabei sprechen wir jedoch weniger von der Gestaltung des ebenfalls vom Chrysler 200 übernommenen Cockpit, wenn auch dieses etwas altbacken daherkommt. Vielmehr ist es die Materialanmutungund gerade deren Verarbeitung die im direkten Vergleich mit den deutschen Mitbewerber erheblich hinterher hinkt.

Die Bestuhlung tendiert ebenfalls in Richtung Straßenkreuzer und weist leider Mängel bezüglich der kurzen Sitzfläche und dem fehlenden Seitenhalt auf. Mitgedacht haben die Verantwortlichen aber bei der Anbringung des Sicherheitsgurtes direkt an der Sitzlehne, ein sonst so übliches Verrenken nach hinten ist hier nicht nötig.

Trotz der Bi-Colore-Lederausstattung, den verarbeiteten Chrom-Applikationen und den kleinen Details wie der analogen Uhr fehlt uns allerdings der gewohnte italienische Flair.

Vom Fiat-Konzern ist dagegen das Navigations- und Multimediasystem uconnect inklusive 40 GB großer Festplatte, dass im Falle des Flavia nicht nur im Preis enthalten ist, sondern sich zudem per 6,5 Zoll großem Touchscreen-Bildschirm zentral in der Mittelkonsole platziert, steuern lässt. Ebenfalls inbegriffen, das Boston Acoustics HiFi Sound System mit 276 Watt und sechs Lautsprechern das die vier Insassen des Cabriolet beschallt.

Das Platzangebot bietet bis zu vier Insassen optimale Platzverhältnisse und bequemen Sitzkomfort. Selbst im geschlossenen Zustand ist die Kopffreiheit überraschend gut.

Der ansonsten 377 Liter große Kofferraum büßt bei geöffnetem Verdeck ordentlich an Stauraum ein und hält lediglich 198 Liter bereit. Der Zugang zumGepäckabteil gestaltet sich des weiteren durch die Größe und Schwere des Kofferraumdeckels als etwas behäbig.

Das auch unter der Hülle wohl doch noch mehr Chrysler als Lancia steckt, lässt das Fahrwerk vermuten. Leider recht schwammig ausgelegt und ganz american-like, legt auch der sportlich ambitionierte Fahrer hier gerne ruhigere Töne an den Tag.

Wenn sich die Fäder-Dämpfer-Einstellung gegenüber dem Chrysler-Pendant laut Hersteller auch einer europäischen Veränderung unterzog, so entspricht sie letztlich aber nicht dem erwarteten Gusto.

Das Fahrzeug wirkt schwerfällig, alles andere als agil, was sich in schnell gefahren Kurven leider nicht nur durch lautes quietschen bemerkbar macht. Die Lenkung scheint ganz darauf abgestimmt zu sein, könnte aber ebenfalls gerne straffer und exakter ausgelegt sein.

Doch auch auf Seiten des Komforts kann der Flavia nicht völlig überzeugen, denn Querrillen sowie grobe Stöße werden spürbar nach innen getragen.

Nicht nur Fahrzeuggröße und Fahrwerkabstimmung sind auf „cruisen“ ausgelegt, auch der einzig zur Verfügung stehende 2,4-Liter-Vierzylinder-Otto entspricht dieser Interpretation.

Trotz 170 PS (125 kW) Leistung müht sich der Flavia etwas, um in die Puschen zu kommen. Zum einen ist da das Gewicht von 1.8 Tonnen, dass das Cabrio auf die Waage bringt und vor allen Dingen die Sechsgang-Automatik diezu viel Kraft schluckt.

Wenn diese auch bei normaler Fahrweise ausreichend sanft schaltet, so vermittelt sie gerade bei versucht flotterer Gangart veralteten Charme. Die Möglichkeit manuell zu schalten, kommt uns in diesem Fall etwas entgegen.

Schließlich entscheiden wir uns dann aber doch dazu, lieber gemütlich dahinzugleiten. Die 10,8 Sekunden die vergehen bis der Italiener auf Tempo 100 beschleunigt lesen sich zwar noch recht passabel, fühlen sich aber letztlich sehr zäh an. Die 220 Nm bei 4.500 U/Min verhelfen dem Flavia einfach zu keinem spritzigen Vorankommen. Die Höchstgeschwindigkeit von 195 km/h ist für ein Cabrio allerdings ausreichend.

Der Motor ist stets präsent und tritt bei zügiger Vorgehensweise angestrengt laut hervor. Eine Tatsache, die den Open-Air-Genuss leider etwas trübt.

Für weiteren Trübsal sorgt zudem der Spritverbrauch. Während bereits die vom Hersteller angegebenen 9,4 Liter keine Begeisterungsstürme auslösen, ist die Realität noch wesentlich härter. So sind 15 Liter durchaus keine Seltenheit, der CO2-Emissionswert von 221 g/km scheint in Anbetracht dessen schon fast nebensächlich.

Mit mehrstufig auslösenden Frontairbags und in den vorderen Rückenlehnen integrierten Seiten-Airbags, aktiven Kopfstützen vorn, Kindersitzbefestigungen (ISOFIX) sowie dem Reifendruck-Kontrollsystem oder der elektronischenStabilitäts- und Traktionskontrolle und dem Bremsassistent befindet sich der Lancia Flavia zwar auf Höhe der Zeit, kann jedoch nicht mit modernen Assistenz-Systemen wie beispielsweise einem Spurverlassens- oder Toter-Winkel-Warner dienen.

Das Angebot eines einzigen Motors sowie einer Ausstattungsvariante nehmen dem Käufer die Qual der Wahl.

Dafür ist der Lancia Flavia zu einem Preis von 36.900,- Euro nahezu komplett ausgestattet und unterbietet so die direkten Mitbewerber um ein deutliches.

Denn diese verlangen meist für Ledersitze, ein Multifunktionslenkrad, elektrisch beheiz- und verstellbare Vordersitze oder einem innovativen Multimediasystem, wie dem uconnect im Falle des Flavia, einiges an Aufpreis.

Trotz der bereits umfangreichen Serienausstattung stellt Lancia dem Flavia ein attraktives Accessoires- und Zubehör-Programm zur Seite. Die Lineaccessori Lancia beinhaltet beispielsweise Leichtmetallräder im Format 18 Zoll, sowie zusätzliche Individualisierungsmöglichkeiten für das Exterieur und eine Ambiente-Beleuchtung.

Bei einem Cabriolet zwar eher selten nachgefragte aber dafür praktische Optionen wie ein Fahrradträger oder eine Anhängervorrichtung sowie eine Kofferraumschutzauskleidung sind aber ebenfalls in dieser Liste zu finden.

Wenn wir uns für den Flavia letztlich auch mehr Lancia und etwas weniger Chrysler-Gene gewünschthätten, so sind uns die italienischen Beweggründe u.a. den Kostenfaktor möglichst gering halten zu wollen, durchaus plausibel und immerhin ist es so der Marke möglich, vier Personen Open-Air-Genuss zu bieten.

Stand: September 2012; Test und Fotos: Redaktionsbüro Lind

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