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Porsche

Porsche Carrera 911

Schreibt man einen Testbericht über einen Porsche, greift man gerne zu Superlativen. Aber spätestens nach dem zehnten Test gehen einem die aus. Wie soll man aber die klassisch schöne Form, die nahezu perfekte Umsetzung der gebotenen Leistung in Vortrieb, die knackige Schaltung, die exakte Lenkung und bärige Bremsanlage, die optimale Sitzposition, den Fahrspaß und all das beschreiben ohne ins Schwärmen zu geraten. Selbst die Tatsache, dass der 911er auch problemlos zum „Brötchen-Holen“ benutzt werden kann, also voll alltagstauglich ist, verstärkt allenfalls die Faszination dieses tollen Sportwagens. Okay, wir können ihn uns (fast) alle nicht leisten, aber sonst …

Was soll man da noch sagen. Die Form ist klassisch und altbekannt, mit der Rückkehr zu den runden Frontscheinwerfer ist auch der letzte Kritikpunkt wieder verschwunden. Ein 911er sieht einfach geil aus, besonders in Gelb.

Geduckt, jederzeit bereit zum Sprung, schlicht und doch so emotional. Erst auf den zweiten Blick fallen die neuen „Doppelarme“ auf, die die Außenspiegel tragen. Und wenn man in die hineinblickt, sieht man die mächtigen hinteren Kotflügel, die beim neuen Modell noch stärker ausgestellt sind und mal richtig breite Schlappen aufnehmen – noch so ein Anblick, der fasziniert.

Leicht modifiziert auch die jetzt komplett rot/silbergrauen Heckleuchten, darunter die beiden breiten ovalenAuspuffrohre aus denen dieser unvergleichliche kernig-röhrende Sound entströmt, von dem man gar nicht genug bekommen kann.

Der Ein- und Ausstieg verlangt weniger Sportlichkeit vom Fahrer als man erwarten könnte, obwohl es doch ganz schön weit runter auf den Asphalt geht.

Dann rutscht man förmlich in die neuen 911er Sitze, in denen man es sich richtig bequem machen kann und doch auf kein bisschen Sportlichkeit verzichten muss. Straff gepolstert bieten sie einen feinen Langstreckenkomfort, die Verstellung geschieht einfach in Längsrichtung manuell sowie an der Lehne per Knopfdruck und für den nötigen Seitenhalt bis in den Schulterbereich ist gesorgt.

Dass erst die aktuellen 911er Modelle über ein nicht nur in der Weite sondern auch in der Höhe zu verstellenden Lenkrad besitzen, mag fast schon etwas verwundern. Griffig war das Ledervolant schon immer, für unseren Geschmack dürfte es auch gerne noch etwas dicker sein.

Hat man beide Hände am Lenkrad, so in der „10vor2-Stellung“, dann werden die beiden äußeren der neu gestalteten fünf Rundinstrumente ziemlich verdeckt, aber wer interessiert sich schon für Öltemperatur oder -druck.

Wichtig ist, dass der große Drehzahlmesser in der Mitte optimal im Blick liegt, den Tacho daneben, der bis imposante 330 km/h reicht, schaut man meist weniger an, uns hat in der Regel die digitale Geschwindigkeitsanzeige im unteren Teil des Drehzahlmessers genügt.

Ansonstenzeigte sich unser Testwagen im Innenraum so, wie wir es von Porsche kennen: viel Leder sehr ordentlich verarbeitet, schicke Aluapplikationen in der Mittelkonsole, als Leiste quer über das Armaturenbrett mit zwei raffiniert integrierten Cupholdern vor dem Beifahrer, am Lenkrad und an den Türgriffen.

Die zahlreichen Knöpfe sind noch etwas kleiner geworden, davon abgesehen wirft deren Bedienung keine Fragen auf. Werfen wir also mal einen Blick nach hinten. Hier sind zwei Einzelsitze verbaut, mit Sitzschale und separater Schulterlehne, sieht gut aus, aber wer soll hier sitzen außer Kindern.

Dafür lassen sich die Lehnen umklappen und so einsteht ein dreistufiger Laderaum, in dem man sogar einiges unterbringt. Über alles spannt sich ein schöner Dachhimmel aus schwarzem Alcantara. Und dann gibt es ja vorne unter der Haube auch noch einen Kofferraum, der mit 135 Litern durchaus was wegsteckt, sogar große Kisten, es geht aber doch sehr tief runter und das Beladen dann schnell auf den Rücken. Die vielen Kunststoff-Verkleidungen rundum machen irgendwie einen unstabilen Eindruck – aber wirklich interessiert hat uns das auch nicht.

Viel interessanter sind da die Themen Fahrwerk und Bremsen – Komfort spielt ja bei einem Sportwagen nur eine untergeordnete Rolle. So auch beim 911er. Sein Fahrwerk ist schon ziemlich straff ausgelegt, da bleiben Löcher in der Fahrbahn garantiert nicht verborgen.

Zusammen mit der verbreiterten Spurund (vorne 21 mm, hinten 34 mm) und diversen Modifikationen am Fahrwerk liegt der 911er super auf der Straße, klebt auch in schnellen Kurven auf dem Asphalt wie Kaugummi an der Schuhsohle und absolviert den Slalomtest fast neutral und ungeheuer flott. Da muss man schon ganz schön reinhalten, um das angetriebene Heck aus der Bahn zu werfen. Wer aber die Selbstkontrolle vergisst, muss ggf. mit einen richtig aggressiven Heck rechnen.

An die machbare Höchstgeschwindigkeit von 285 km/h (die digitale Anzeige spricht dann schon von 296) sollte man sich langsam heranwagen, denn besonders auf maroden Autobahnabschnitten wird der 911er bisweilen recht unruhig und verlangt eine feste Hand am Lenkrad.

Die neue Zahnstangenlenkung mit variabler Lenkübersetzung schafft ansonsten eine direkte Verbindung zwischen Fahrer und Fahrzeug mit der Straße. Ausgesprochen gefühlvoll reagiert das Fahrzeug auf jede Lenkbewegung exakt so wie man es erwartet.

Ohne großes Gezeter, also Quietschen oder Rubbeln, kommen die fein zu dosierenden Bremsen im Bedarfsfalle mächtig zur Sache. Vor allem, wenn die optionalen Keramik-Bremsen zum Einsatz kommen, die man an den gelben Bremssätteln erkennt. Zusammen mit den innenbelüfteten und gelochten Bremsschieben sind Verzögerung von 100 auf Null in unter 34 Metern möglich und ein Ermüden war auch nach der 10. Vollbremsung nicht festzustellen.

Ein Porsche 911 Carrera ist ein reinrassiger Sportwagen, auchwenn man mit Blick auf einige Mitbewerber bei einem 3,6 Liter Sechszylinder-Motor mit der jetzt auf 239 kW / 325 PS bei 6.800 U/min gesteigerten Leistung noch nicht unbedingt nervös werden muss.

Es ist vielmehr die Souveränität, mit der eine 911er seine Kraft entfaltet und auf den Boden bringt. Auch ohne Allradantrieb erreicht er mit den 265er Schlappen an der Hinterachse eine sehr gute Traktion, die Beschleunigungen mit ganz wenig durchdrehenden Rädern erlaubt – zumindest solange die Straßen trocken sind. Im Nassen sollte man die geballte Ladung 911 ohnehin nicht ausreizen.

Ansonsten ist es praktisch völlig egal, in welchem Gang Sie gerade fahren, ein Tritt aufs Gaspedal wird immer mit gutem bis sehr gutem Vortrieb quittiert, das fühlt sich nach mehr als „nur“ 325 PS an. Dabei werden eigentlich gerade die von uns regelmäßig erfassten Messungen (z.B. 80 auf 120 im fünften Gang) einem 911er nicht gerecht, auch wenn der ermittelte Wert von 6,9 Sekunden prima ist. Wer wirklich flott sein will, schaltet dann zurück in den vierten oder sogar dritten Gang und dann geht es so richtig ab.

Schlappe fünf Sekunden verfliegen beim Sprint aus dem Stand auf Tempo 100 und ohne den kleinsten Einbruch schiebt der wassergekühlte Motor im Heck den 911er weiter bis zur Topspeed von 285 km/h. Herr über so viel Power zu sein kann schnell süchtig machen, und dabei kann der Porsche auch ganz anders. Langsam, lammfromm und in einer Artund Weise niedertourig, dass man es kaum glauben mag. Auch unterhalb von Tempo 50 im fünften Gang muckt der Motor keineswegs auf.

Und so kann man dann auch selbst bestimmen, ob man mit den elf Litern Super Plus auf 100 km die Porsche angibt im Mix auskommt, ob man nicht mal neun Liter braucht oder ob man locker mal eben 20 und mehr Liter aus dem Auspuff jagt. Dank neuer Abgasanlage mit Kaskaden-Katalysator schafft der 911er locker die Abgasnorm Euro 4.

Mit dem neuentwickelten Sechsgang-Schaltgetriebe ist der Porsche bestens bestückt. Auf sportlich kurzen Wegen gleitet der kleine Schalthebel exakt und wie das warme Messer durch die Butter durch die Schaltkulisse. Auch die sportliche Abstufung lässt keine Wünsche offen.

Die Zeiten, wo Sportwagen auf die Insassensicherheit keinen Wert legten, sind lange vorbei. Und so wurde beim neuen 911er nicht nur für eine sicherheitsoptimierte Karosserie gesorgt, sondern den Insassen neben zweistufigen Frontairbags auch Seitenairbags in den Sitzlehnen und Kopfairbags in den Seitenfenster-Brüstungen spendiert.

ISOFIX für die einfache Kindersitzmontage ist mit der Möglichkeit der Deaktivierung des Beifahrer-Airbag kombiniert.

Wenn man bedenkt was man bekommt, ist der Basispreis von 77.9230,- Euro gar nicht mal so viel, auch wenn der Porsche 911 Carrera mit seinen begeisternden 325 PS für die meisten doch unerreichbar bleibt. Die Ausstattung ist jedenfalls ziemlich komplett, auchwenn es für die Individualisierung noch jede Menge Extras gibt. Für den ungeheuren Fahrspaß reicht die Basisausstattung u.a. mit Klimaautomatik, Teilledersitzen, el. Fensterhebern etc. allemal.

Stand: September 2006; Test und Fotos: Redaktionsbüro Lind

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