// Fahrbericht / Die Zeitmaschine Lada Priora

Lada

Die Zeitmaschine Lada Priora

 Mit dem neuen Priora tritt man eine Reise in die Vergangenheit an, allerdings ist als Ziel immer das Ende des letzten Jahrhunderts fix definiert. Aus dieser Zeit stammt die Optik, ein Teil der Technik und nicht zuletzt das Niveau der Sicherheitsausstattung, es gibt nur Frontairbags und auch kein ESP. Und schwups ist man wieder in der Jetztzeit, denn mit dem zusätzlichen Autogas-Angebot ist der Lada ganz modern. Überhaupt kann der 1,6-Liter-16V-Motor gut gefallen, er ist sparsam und schadstoffarm, zeigt sich außer bei Vollgas leise und ausreichend kraftvoll. Der Fahrkomfort ist gut, was bei schnellen Kurven viel Karosserieneigung bedeutet, die Lenkung animiert ohnehin nicht zum Schnellfahren. Bei 9.990,- Euro geht es los …

Der Priora ist brandneu, sieht aber nicht danach aus. Eher altbacken kommt er daher, unauffällig und ohne Höhepunkte. Einzig die breite Chromleiste über dem Kühlergrill bringt ein wenig Glanz ins Bild. Dafür gibt es an der Frontschürze, den Seitenwänden und auch an den Seiten der Heckschürze schwarze Gummileisten, die den Lack vor Parkremplern schützen.

Das kurze Stummelheck erinnert vor allem mit den Rückleuchten etwas an alte Opel Astra, auch hier setzt eine breite Chromleiste einen kleinen Akzent. In der glattflächigen Seitenansicht fallen vor allem die wie aufgesetzt wirkenden „echten“ Türgriffe auf. Mit Ihnen lassen sich die Türen auf sanften Zug öffnen, den Tankdeckel kann man leider nicht abschließen.

Belieben wir beim Öffnen und Schließen, undzwar des Kofferraumdeckels. Das geschieht nur mittels Schlüssel oder Fernbedienungshebel im Fahrzeug. Dann aber schwingt die Heckklappe schön weit auf, sodass man sich auch mit 1,90 m Körpergröße nicht an ihr stößt. Das hat aber auch einen Nachteil, da ein Zuziehgriff oder eine Schlaufe fehlt, tun sich vor allem kleinere Menschen schwer mit dem Schließen.

Hinter der in angenehmer Höhe befindlichen Ladekante geht es wieder rund 10 cm nach unten, deutlich schlechter ist da die Tatsache, dass die Gepäckabdeckung nicht mit aufschwingt und bisweilen auch gern in aufgestellter Position vergessen wird, was den Blick durch den Rückspiegel dann natürlich auf Null setzt.

Die 400 l Kofferraumvolumen sind durch einfaches Hochklappen der Sitzflächen und Vorklappen der Lehnen, wozu man die Kopfstützen entfernen muss, auf bis zu rund 1.000 Liter erweiterbar, es bleibt aber eine rund 10 cm hohe Stufe zum Kofferraum hin und es werden unschöne Schaumstoffbalken unter dem Ladeboden sichtbar. Darunter steckt statt eines Reserverades der Autogas-Tank.

Steigen wir also ein, was vorne deutlich bequemer gelingt als hinten, hier könnte die Tür gerne etwas weiter öffnen. Und wo wir schon beim Öffnen sind, nicht nur hinten, nein auch vorne lassen sich die Seitenfenster nicht komplett öffnen. Und vor allem vorne taucht ein weiterer Schönheitsfehler auf. Die äußeren Dichtungsgummis unten am Fenster enden weit über den inneren, dahinter sammelt sich schnell allerlei Schmutz und das sieht dann gar nicht schön aus.

Die Platzverhältnisse sindokay, auch hinter 1,80 m großen Fahrern finden 1,80 m große Mitfahrer noch genügend Platz, ein wirklich gutes Sitzen ist aber auf den sehr weichen Polstern nicht gegeben, vorne fehlt auch eine Lordosenstütze. Die Sitzverstellung geschieht z.T. sehr schwergängig, dafür ist die Neigungsverstellung der vorderen Kopfstützen so leichtgängig, dass schon das Anlehnen des Kopfes sie wieder zurückstellt. Hinten fehlt in der Mitte die Kopfstütze ganz.

Lässt man den Blick im neuen Priora schweifen, so sieht man einfaches Plastik überall, kann man drüber noch locker hinwegsehen, stört dessen unangenehme Ausdünstung jedoch stark. Einfach zu bedienen sind die wenigen, übersichtlich und gut erreichbar montierten Bedienelemente. Dazu gehörte bei unserem Testwagen sogar ein Schalter mit funktionierender Kontrollleuchte für die Nebelscheinwerfer, und das obwohl das Fahrzeug gar keine Nebelscheinwerfer besaß. Der Aschenbecher ist etwas unglücklich montiert und das Wenige das reingeht fällt auch schnell mal wieder raus.

Nicht ganz glücklich ist auch die Lösung mit den Hupknöpfen im Lenkrad, zudem hupt das Teil mickrig wie ein Moped. Und das Radio muss immer separat an und vor allem auch wieder aus geschaltet werden. Eine Lösung wohl speziell für unseren Testwagen hatte man sich beim Brillenfach im Dach ausgedacht. Weil selbiges recht locker und nicht selbst haltend war, hat man hier kurzerhand Klettband eingeklebt. Das hält jetzt zwar, trägt aber auf und drum schloss das Fach jetzt nicht mehr richtig.

Das Lenkrad ist nur in der Höheverstellbar, dahinter blickt man auf klar gezeichnete Halbrundinstrumente. Der Blick rund ums Auto ist nur nach schräg hinten ein wenig eingeschränkt, Einparkhilfen bietet Lada selbst aber nicht an. Die Warntöne, z.B. für Licht an, sind sehr leise und für ältere Ohren bisweilen kaum zu hören.

Der Fahrkomfort des Lada Priora ist an sich ganz ordentlich, bügelt er sogar Schlaglöcher gut weg. Mehren sich Querrillen etc. beginnt aber das Fahrwerk gerne mal zu knacken. Bei hohem Autobahntempo wird das Fahrzeug insgesamt unruhig und dank der nur bedingt zielgenauen Lenkung stellt sich ein eher unsicheres Gefühl ein. Zudem wird der Motor bei Vollgas recht laut und auch die Windgeräusche nehmen stark zu.

Die Lenkung arbeitet im normalen Fahrbetrieb dank Servounterstützung mit einem angenehm leichtgängig-straffen Mix, bei schnellen Kurvenfolgen oder in unserem Slalomtest wurde sie aber sehr schwergängig und auch wenig zielgenau.

Der Priora besitzt kein ESP, ein ungestümer Gasfuß bringt so die Antriebsräder an der Vorderachse schnell mal zum wilden Durchdrehen. Ansonsten vermisst man die elektronische Stabilitätskontrolle kaum, selbst in flotten Kurven bleibt der Lada leicht untersteuernd sehr gutmütig, man darf sich dann nur nicht an der starken Karosserieneigung stören.

Auch an den schwarzen Strichen sollte man sich nicht stören, die der Priora bei einer Vollbremsung trotz ABS auf den Asphalt zieht. Mit Scheibenbremsen vorn sowie elektronischer Bremskraftverteilung bleibt er auch bei einer Vollbremsung spurtreu und steht ausTempo 100 nach rund 39 Metern, ein Nachlassen der Bremsleistung war nicht festzustellen. Das komfortable Fahrwerk lässt den Vorderwagen allerdings stark eintauchen.

Der Reihenvierzylinder-Motor unter der Haube ist für uns das Beste am Priora. Der 1,6 Liter 16 V leistet quirlige 72 kW/98 PS bei 5.600 Umdrehungen und stellt ein maximales Drehmoment von 145 Nm bei 4.000 U/min zur Verfügung.

Vor allem im Stand, aber auch bei defensiver Fahrweise bleibt der Motor akustisch angenehm leise, nur wenn er voll gefordert wird, wird er zunehmend lauter, also auch wenn man den Wagen auf die Höchstgeschwindigkeit von 183 km/h beschleunigt oder in 11,5 Sekunden auf Tempo 100 treibt.

Und auch bei flotter Fahrt oder in der Stadt begnügt sich der DOHC-Benziner mit 8,7 Litern Super bleifrei, im Mix sind 6,3 Liter und bei Außerorts-Fahrten sogar nur 4,9 Liter drin. Oder man hat, wie bei unserem Testwagen, auch die Möglichkeit, mit Autogas zu fahren. Damit haben wir auf unserer Normstrecke nur 6,81 Liter Autogas auf 100 km verbraucht, was zu Kosten in Höhe von nur 3,95 Euro pro 100 km geführt hat, der Liter Autogas kostete zu diesem Zeitpunkt 0,579 Euro. Und auch die CO2-Emission ist selbst bei Benzinbetrieb mit 156 g/km schon recht niedrig, der Motor erfüllt aber nur die Abgasnorm EURO 4.

Der Durchzug ist völlig okay, der Priora dreht flott hoch und zieht gut durch, man kann ihn auf der anderen Seite aber auch angenehm schaltfaul fahren. Und das ist besonders gut, denn die serienmäßige Fünfgang-Schaltung kann nicht sonderlich begeistern. Zwarist die Abstimmung in Ordnung, einen sechsten Gang vermisst man nicht, aber die Führung ist ziemlich lapprig und vor allem beim Zurückschalten bockte vor allem der zweite Gang häufiger und auch der Rückwärtsgang war nicht immer im ersten Anlauf einzulegen.
Dass die Technik zum Teil aus dem letzten Jahrhundert, sprich aus den achtziger/neunziger Jahren stammt, was sich u.a. an der Zentralverriegelung erkennen lässt, trifft auch auf den Sicherheitsstandard zu.
Dabei fehlt nicht nur die mittlere Kopfstütze hinten, außer Frontairbags sind auch sonst keine weiteren lebensrettenden Luftsäcke an Bord. Die Gurte vorne sind aber höhenverstellbar und mit Gurtstraffern bestückt.
9.990,- Euro will Lada für den Priora Fließheck haben, und alles was man zum Fahren braucht, ist dann schon drin, also auch ABS, von innen verstellbare Außenspiegel, ein Bordcomputer, Heckscheibenheizung und -wischer, Radiovorbereitung, Make-up-Spiegel in der Beifahrersonnenblende, Wegfahrsperre, Zentralverriegelung und ein Zigarettenanzünder.

Wer die spritsparende und umweltschonende Autogas-Aufrüstung haben will, muss dafür 2.350,- Euro hinblättern, eine Klimaanlage kostet 1.200,- Euro, Alufelgen 650,- Euro, ein CD-Radio 460,- Euro, Nebellampen 250,- Euro und die Metallic-Lackierung 380,- Euro, dann ist der Gesamtpreis aber auch schon bei 15.280,- Euro – ganz schön viel Schotter für einen Neuwagen, der aussieht als hätte er schon einige Jährchen auf dem Buckel.

Die Versicherungseinstufung lautet 18, für VK, TK wie auch HPF. Die Lada-Garantie läuftzwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung, 2 Jahre gibt’s auf den Lack und 6 Jahre gegen Durchrostung. Alle 15.000 km bzw. einmal im Jahr ist eine Wartung, alle zwei Jahre bzw. 30.000 km eine Inspektion fällig.

Stand: August 2009, Test und Fotos: Redaktionsbüro Lind

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