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Daihatsu

Der etwas andere – Daihatsu Materia

Nicht jeder mag ihn, das macht aber nichts, der Materia ist wirklich mal was anderes, mit seiner bulligen Front, den schmalen Seitenfenstern und dem mächtigen Heck auf dessen Klappe groß und stolz der Materia-Schriftzug prangt. Dass unter der Haube dann ein eher kleiner Motor steckt, der mit „nur“ 103 PS für Daihatsu-Verhältnisse aber durchaus mächtig ist und den Wagen auch ausreichend flott macht ist okay. Dass der Innenraum aber auch bei diesem ausgefallen Fahrzeug dann doch wieder ganz Kleinwagen ist, mit eher einfachen Materialien, Sitzen und vor allem ohne Mut zum richtig bis zum Ende umgesetzten flippigen Interieur ist schade. Fahrwerk, Bremsen und Komfort passen, die hakelige Schaltung nicht. Spitze sind der Platz und die Variabilität.

Selbst im eher unscheinbaren Silbergrau unseres Testwagens ist der Materia ein echter Eyecatcher. Ein Hingucker, nach dem sich die Leute auf der Straße umdrehen. Okay, manche belächeln den ungewöhnlichen Kleinen aus Japan, aber dazu gibt es eigentlich keinen Grund.

Mit seiner steil im Wind stehenden Front ist er zwar nicht der CW-Wert-König, aber allzu hohe Windwiderstände hat er ohnehin nicht zu überwinden, seine Topspeed endet bei 170 km/h.

Zur bulligen Karosserie mit dem stark betonten Body und den schmalen Seitenfenstern passen gut die markant ausgestellten Radläufe und die Seitenschweller, proportional kommen die Räder trotz 15-Zoll-Größe etwas zu kurz. Seine Kompaktheit unterstreichen die sehr kurzen Fahrzeugüberhänge, und auch die ab derhinteren Tür verdunkelten Fenster sowie die hinten seitlich nach außen versetzte kurze Antenne verstärken den eigenwilligen Auftritt.

Fast senkrecht fällt das Heck ab, unverwechselbar die mit einer Chromleiste zu einem Band verbundenen Rückleuchten, allenfalls die in die Heckschürze integrierte Nebelschlussleuchte stört das gelungene Gesamtbild. Trotz aller Bemühungen ist das verchromte Auspuffrohr viel zu klein geraten. Wer den Materia als Lifestyle-Mobil sieht, wird hier schnell auf Abhilfe sinnen, wer nur den praktischen Nutzen im Auge hat, kann darüber locker hinwegsehen.

Und so verhält es sich auch im Innenraum. Als praktischer Nutzesel ist praktisch nichts am Materia auszusetzen, auf die Details im vergleichsweise riesigen Innenraum kommen wir gleich. Aber die extravagante Hülle verlangt – zumindest sehen wir das so – einfach mehr Pepp im Cockpit, wenigstens in Form eines Sonder- oder Top-Modells.

Darin könnten wir uns ein zweifarbiges Cockpit entlang des geschwungenen Absatzes, die dunkle Applikation in der Mittelkonsole bis hinunter zum Aschenbecher, ein Sport-Lederlenkrad, Ledersitze usw. super gut vorstellen, das Ganze farblich abgestimmt auf die Außenfarbe und schon wäre ein heißer Flitzer geboren. Immerhin ein bisschen in die Richtung bietet der Daihatsu Zubehörkatalog.

Serienmäßig müssen wir mit einfachen, aber solide verarbeiteten Materialien vorlieb nehmen, die mit wenigen Ausnahmen im tristen Grau versinken. Einen eher lockeren Eindruck hat nur das Handschuhfach hinterlassen. Ansonsten stechen die blau illuminierten, analogenAcryl-Anzeigen mit halbrundem Tacho und Drehzahlmesser ebenso hervor, wie der blaue Leuchtring rund um die Lautsprecherboxen in den Vordertüren und die illuminierten Türgriffe. Schade nur, dass man sich bei Daihatsu für die restliche Beleuchtung mehr in Richtung Grün orientiert hat.

Anders als bei den meisten Daihatsu-Modellen hat man beim leider nur in der Höhe zu verstellenden Lenkrad nicht auf ein Produkt aus dem Hause Momo zurückgegriffen.

Mit zweierlei Stoff (uni und gemustert) sind die etwas zu weich gepolsterten Sitze bezogen, sie bieten ausreichend Seitenhalt aber etwas zu wenig Beinauflage, die manuelle Bedienung bis hin zur Höhenverstellung des Fahrersitzes geschieht problemlos.

Und weil im Materia so viel Platz ist, lässt sich die Rücksitzbank nicht nur um 16 cm in Längsrichtung verschieben und die Lehne individuell einstellen, auch die Vordersitze können komplett nach hinten umgelegt werden (vorher Kopfstütze raus) und schon entstehen in
Verbindung mit den Rücksitzen zwei durchaus bequeme „Liegen“ oder eine Ladelänge von 2,20 Metern.

„Sitzend“ reisen bis zu fünf Erwachsene bequem und mit viel Platz im Materia. Selbst wenn die Rücksitze nach vorne geschoben werden, haben große Mitfahrer noch genügend Beinfreiheit, die gebotene Kopffreiheit ließe sogar das Tragen eines Zylinders zu. Und selbst beim bequemen Ein- oder Ausstieg bräuchte man den kaum abzunehmen. Da kommen bei vorgeschobener Rücksitzbank nur die Beine mal in Platznot beim Aussteigen.

Ausgehend von knappen 181 Litern bei zurückgeschobener Rücksitzbank (Beladung bisFensterunterkante) sorgt allein das Vorziehen der selben für über 100 Liter mehr Platz, klappt man auch die Lehnen im Verhältnis 60 : 40 um, entsteht eine ebene Ladefläche und bis zu rund 1.000 Liter Stauraum, der durch die große, weit öffnende Heckklappe mit niedriger Ladekante leicht zu Beladen ist. Natürlich sind auch zahlreiche Ablagen und Getränkehalter nicht vergessen worden.

Der relativ hohe Fahrzeugaufbau sorgt beim Materia dafür, dass man die Karosserieneigung trotz recht straffer Fahrwerksabstimmung deutlicher wahrnimmt, wie die Geräusche des Motors, wenn man ihn voll fordert. Mangelnde Geräuschdämmung macht sich auch bemerkbar, wenn Steinchen auf der Straße liegen oder ein Schotterweg unter die Räder genommen wird. Dann scheppert es laut in den Radhäusern.

Mit deutlichem Untersteuern, also Schieben über die Vorderräder, bleibt der Materia insgesamt sehr gutmütig, in Verbindung mit der ausreichend direkten und leichtgängigen Lenkung sowie einem kleinen Wendekreis von 9,80 m ist er prima zu handeln, letzte Unsicherheiten lassen sich in der von uns getesteten 1,5 Liter-Version mit einer optionalen Stabilitäts- und Traktionskontrolle (VSC und TRC) beseitigen. Aber auch ohne ging der Materia sehr willig um die Pylonen unserer Slalomgasse.

Schlaglöcher und Bodenunebenheiten filtert das Fahrwerk trotz straffer Grundabstimmung sehr ordentlich weg, allenfalls grobe Querrillen poltern etwas nach innen.

Dass an der Hinterachse nur Trommelbremsen zum Einsatz kommen, ist bei Fahrzeugen dieser Größenordnung üblich. Die meiste Bremsarbeit wirdohnehin von den innenbelüfteten Scheibenbremsen an der Vorderachse geleistet, die natürlich auch die ABS-Regelung besser umsetzen können.

Mit dem serienmäßigen Vier-Kanal-ABS und der Unterstützung von Bremskraftverstärker, elektronischer Bremskraftverteilung und Bremsassistent kann man mit dem Gebotenen zufrieden sein, auch wenn der Vorderwagen bei Vollbremsungen tief eintaucht. Geschieht das jenseits der Tempo 130 ist erhöhte Aufmerksamkeit gefordert.

Mit einem 1,3 Liter Vierzylinder mit 91 PS beginnt der motorische Einstieg, der für viele auch sicher ausreichend ist, liegen doch die Fahrleistungen nur unwesentlich unter denen des von uns gefahrenen 1,5 Liter-Aggregats. Im Verbrauch ist es zudem noch eine Spur sparsamer und kostet schließlich einen Tausender weniger.

Ein Problem könnte sich nur ergeben, wenn Sie eine Automatik, die Stabilitäts- und Traktionskontrolle sowie einige Ausstattungsfeatures wollen, denn das alles, wie auch den Allradantrieb, gibt es nur für den Materia 1.5.

Ohne 4WD liefert der Vierzylinder seine 76 kW/103 PS (bei 6.000 U/min) an die Vorderräder. Sein maximales Drehmoment von 132 Nm steht bei 4.400 U/min zur Verfügung, ausreichend, um den Materia in 10,8 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 zu bringen und ihn, wenn es sein muss, 170 km/h schnell zu machen.

Dabei gibt sich der drehfreudige Motor zumindest bis Tempo 130 richtig spritzig, was will man mehr. Vielleicht etwas mehr Durchzug, aber da muss man halt mal öfters zum Schalthebel greifen. Leider liegt genau hier beim serienmäßigen Fünfgang-Schaltgetriebe einSchwachpunkt des Materia. Es ist zwar ganz passabel auf den Motor abgestimmt, jedoch sind die Schaltwege recht lang und die Bedienung gestaltet sich ziemlich hakelig, häufig trifft man auch nicht sofort den Rückwärtsgang.

Wer nicht auf die Sekunde schaut, ist da vielleicht mit dem Viergang-Automatikgetriebe besser bedient, es reduziert aber die Topspeed auf 164 km/h und braucht 13,7 Sekunden um aus dem Stand auf Tempo 100 zu kommen. Der Mehrverbrauch beträgt nur rund 0,3 Liter gegenüber dem Schalter, den wir auf unserer Normstrecke mit 6,9 Litern Normalbenzin auf 100 km bewegt haben. In der Stadt braucht der große Kleine 8,9, außerorts 6,1 Liter.

Serienmäßig sind Front- und Seitenairbags für Fahrer und Beifahrer an Bord, Kopfairbags können optional für 450,- Euro geordert werden.

Angefangen bei höhenverstellbaren Kopfstützen und Dreipunkt-Automatikgurten auf allen Plätzen (vorne höhenverstellbar und mit Gurtkraftbegrenzern und -straffern) reichen die passiven Sicherheitselemente bis hin zu den ISOFIX Kindersitzbefestigungspunkten auf den Rücksitzen.

Unser Daihatsu Materia 1.5 mit 103 PS kostet 15.490,- Euro, Nebelscheinwerfer, elektrische Fensterheber rundum, Klimaanlage, RDS-CD-Radio mit MP3/WMA, Leichtmetallfelgen, Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung, höhenverstellbarer Fahrersitz und längs verschiebbare Rücksitzbank inklusive.

Stabilitäts- und Traktionskontrolle kostet 500,- Euro extra, die Metallic-Lackierung 390,- Euro und die 4-Stufen-Automatik 970,- Euro. Für die optische Aufrüstung des Innenraums hält Daihatsu separateInfos/Preise bereit.

Für alle Materias gleich ist die Einstufung bei den Versicherungen: HPF 14, VK 19 und TK 15. Alle 15.000 km oder einmal im Jahr muss der Materia in die Werkstatt, entweder zum Zwischenservice oder zur Inspektion.

Stand: Juni 2007, Text und Fotos: Redaktionsbüro Lind

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